Fassungslos.

Jeden Morgen wurde ich von den Pflegern im Rollstuhl zur Röntgen-Abteilung gebracht. Und jeden Morgen überkam mich die gleiche Angst. Ich hatte Angst während der Röntgen-Aufnahme ohnmächtig zu werden und meine Drainage zu beschädigen. Ich hatte Angst vor dem Moment, wenn die Ärzte mir wieder verkündeten, dass meine Lunge sich noch immer nicht aufgebaut hatte. Rückblickend hört sich das alles so weit weg an. Doch im Sommer 2010 war das für einige Wochen mein Alltag. Und zu der Angst gesellten sich immer wieder Gefühle des Zorns und des Unverständnisses.


English version below





Nachdem ich aufgrund meiner CT-Aufnahme zunächst in einem Krankenhaus in Berlin-Mitte aufgenommen worden war, beschlossen die Ärzte mich zu verlegen. Ich sollte in die Lungenklinik kommen, in der auch der Chefarzt war, der mich - wie zuvor vereinbart - operieren wollte. Gesagt, getan.

Bereits in den ersten Tagen nach meinem Krankenhaus-Wechsel strebten die Ärzte an mich für meine letzte, noch offene mündliche Abiturprüfung zu entlassen, sofern die Lunge sich wieder mittels Drainage aufbauen konnte. Während ich im anderen Krankenhaus beinahe mit Samthandschuhen behandelt worden war, verhielt es sich in der neuen Klinik komplett anders. Die Ärzte waren sehr unterkühlt und Pfleger und Pflegerinnen immer unter starkem Zeitdruck. Auch wenn ich zu der Zeit viele Dinge noch nicht richtig einordnen konnte, bemerkte ich, dass ich einfach schnell wieder Platz für neue Patienten machen sollte. Damals war das genau das, was ich wollte. Ich wollte meine Prüfung absolvieren für die ich so viel gelernt hatte. Es sollte ein Prüfer aus Frankreich kommen, der jeden von uns einzeln prüfte und danach das Resultat bekannt gab. Nachdem ich zwei Jahre darauf hingearbeitet hatte, war es für mich wie ein Schlag als man mir zunächst sagte, dass ich an der Prüfung nicht teilnehmen könne. Im neuen Krankenhaus war man jedoch der Meinung ich könne die Prüfung in der kommenden Woche absolvieren.

Als mein Befinden sich in den ersten zwei Tagen besserte, beschlossen die Ärzte mir die Drainage zu ziehen und mich am Folgetag zu entlassen. Meine Eltern bereiteten ihrerseits alles vor, damit sie mich in Empfang nehmen konnten. Am Morgen des besagten Tages schickte man mich ohne Pfleger zur Röntgen-Abteilung. "Sie kennen den Weg ja!" wurde mir hinterhergerufen. Langsam, beinahe schleichend, verließ ich meine Station und lief durch die sterilen Krankenhausflure. Ich war überglücklich. Endlich könnte ich nach Hause zu meinen Eltern und meine Prüfung absolvieren. Im Anschluss würden wir dann einen Termin zur OP vereinbaren. Natürlich - wie sollte es auch anders sein - kam alles anders. Ich erreichte die Röntgen-Abteilung, wurde geröntgt und wollte gerade wieder zur Station aufbrechen, als der Röntgen-Assistent zu mir kam und mich bat im Wartebereich Platz zu nehmen. "Sie werden gleich abgeholt." Verdutzt schaute ich ihn an. "Warum? Ich bin doch eben auch allein hergekommen? Das ist wirklich kein Problem. Außerdem soll ich gleich entlassen werden." Ich strahlte ihn an. Noch immer ahnte ich nicht, was das bedeuten sollte. "Es tut mir sehr leid," begann er und auf seinem Gesicht zeichnete sich echtes Mitgefühl ab, "wir können Sie nicht wieder allein nach oben gehen lassen. Die Ärzte sind informiert und werden gleich mit Ihnen sprechen." Wie erstarrt saß ich im Wartebereich und betrachtete die Patienten, die an mir vorbeigeschoben wurden. Ich konnte nicht glauben, was ich da gerade gehört hatte. Noch bevor ich meine Gedanken jedoch vollständig sortieren konnte, kam auch schon mein Pfleger, der mich traurig ansah und mit einer Hand auf den Rollstuhl wies, den er vor sich herschob. Seine Mundwinkel sanken nach unten und ich sah ihm an, dass er nach Worten suchte. Die Tage zuvor hatte er mich immer mit lustigen Sprüchen aufgeheitert, doch nun schien auch er nicht zu wissen, wie man mit dieser Situation umgehen sollte.

Zurück im Zimmer konnte ich die Tränen nicht mehr unterdrücken. Ich saß auf meinem Bett, mir gegenüber die nette, ältere Dame, mit der ich das Zimmer teilte und die mir bereits in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen war. Ich wollte ihr erklären, was passiert war, doch ich brachte einfach kein Wort über die Lippen. Die Tränen tropften auf meine Kleidung, die ich mir bereits voller Erwartung endlich entlassen zu werden, angezogen hatte. Als ich den Blick hob, blickte ich in die Augen der Dame. Sie waren ebenfalls mit Tränen gefüllt.

Die Stille wurde jäh von dem eintretenden Arzt unterbrochen. Verständnislos sah er von der Dame und mir hin und her und begann dann mit seinem Vortrag. Man hätte sich getäuscht und die Drainage zu früh gezogen. Die Lunge sei vermutlich bereits seit gestern Abend wieder kollabiert, sodass man jetzt schnell handeln und eine neue Drainage legen sollte. Vor meinem inneren Auge stieg nackte Panik auf. Das erste Mal als man mir die Drainage legte, war ich bei vollem Bewusstsein und erlebte die - für mich - schlimmsten Schmerzen. Das nun noch einmal durchmachen zu müssen, war für mich unvorstellbar. Ich begann zu schluchzen und hörte nur noch am Rande, wie der Arzt mich anwies, mir wieder den Krankenhauskittel anzuziehen und zu warten, bis er und eine Schwester kämen. Es wäre ja nicht so schlimm, lies er in einem Nebensatz fallen.

Nachdem er den Raum verlassen hatte, setzte sich meine Zimmergenossin neben mich und hielt mich im Arm, während mein Körper bebte. Ich bemühte mich einen klaren Gedanken zu fassen und brachte endlich die ersten Worte heraus. "Ich muss meine Mama anrufen." Kurz und knapp berichtete ich ihr zwischen meinen Schluchzern, was passiert war und, dass man mir noch einmal die Drainage legen müsste. Ich bettelte sie an nach Hause zu können. Noch einmal würde ich das nicht durchstehen. Mit klarer Stimme sagte meine Mutter "Wenn die Drainage nötig ist und dir das Leben rettet, dann solltest du das machen. Auch wenn es gerade das Letzte ist, was du möchtest. Aber du hast das schon einmal durchgestanden. Du wirst es auch jetzt schaffen. Bitte den Arzt um eine Vollnarkose." Kurz nachdem ich aufgelegt hatte, kamen der Arzt und die Schwester ins Zimmer und wiesen mich an auf dem Bett Platz zu nehmen. Ich spürte wie Wellen der Panik durch meinen Körper rollten. Sie schoben mein Bett, das einige Male krachend am Türrahmen hängen blieb, hinaus und in einen separaten Raum am Ende des Flures. Dort angekommen, bat ich, wie meine Mutter mir geraten hatte, darum eine Vollnarkose zu bekommen. Der Arzt sah mich nicht einmal an, als er mir sagte, dass sie das jetzt nicht machen könnten und dass das schon nicht so schmerzhaft sein würde. Tränen rannen mir über die Wangen.

Der Arzt setzte mir eine Spritze und nestelte hektisch an der Drainage, die mir gelegt werden sollte. Er fluchte einige Male. Alle Materialien wurden auf mir platziert und ein heilloses Chaos entstand. Ganz anders als beim ersten Mal, als vier Schwestern den Arzt unterstützt hatten. "Halten Sie den Schlauch mal hier fest." sagte er. Niemand antwortete. Er wiederholte seine Aufforderung und legte die Drainage in meine Hand, die vor meinem Brustkorb ruhte. Fassungslos starrte ich auf meine Hand hinab. "Sie müssen jetzt mal mithelfen". Bis heute ist mir die Situation im Kopf geblieben und noch immer schockt es mich, dass man so mit einer Patientin umgegangen ist.

Der Eingriff war nahezu so schmerzhaft wie bereits beim ersten Mal. Die Schmerzen, die im Anschluss jedoch folgten, raubten mir im wahrsten Sinne den Atem.



English version*


Stunned.


Every morning I was taken to the X-ray department by the nurses in a wheelchair. And every morning I felt the same fear. I was afraid of passing out during the X-ray and damaging my drainage. I was afraid of the moment when the doctors announced again that my lungs had still not built up. In retrospect, it all sounds so far away. But in summer 2010 it was my everyday life for a few weeks. And feelings of anger and lack of understanding were always added to the fear.


After I was admitted to a hospital in Berlin-Mitte due to my CT scan, the doctors decided to relocate me. I was to go to the pulmonary clinic, where the chief doctor was, who - as previously agreed - wanted to operate on me. Said and done. Already in the first days after changing hospitals, the doctors tried to discharge me for my last, still open, high school exam, provided the lungs could build up again using drainage. While I was almost treated with kid gloves in the other hospital, the new clinic was completely different. The doctors were very hypothermic and nurses were always under a lot of time pressure. Even though at the time I was still unable to classify many things correctly, I noticed that I should simply make room for new patients quickly. Back then, that was exactly what I wanted. I wanted to take my exam for which I had learned so much. There was supposed to be an examiner from France who examined each of us individually and then announced the result. After working for it for two years, it was like a blow to me when I was initially told that I couldn't take the exam. In the new hospital, however, it was thought that I could take the exam next week. When my condition improved in the first two days, the doctors decided to pull out the drainage and discharge me the following day. For my part, my parents prepared everything so that they could receive me. On the morning of that day, I was sent to the X-ray department without a nurse. "You know the way yes!" was called after me. Slowly, almost insidiously, I left my ward and walked through the sterile hospital corridors. I was overjoyed. I could finally go home to my parents and take my exam. We would then make an appointment for an operation. Of course - how could it be otherwise - everything turned out differently. I reached the X-ray department, was X-rayed and was about to leave for the ward when the X-ray assistant came to me and asked me to take a seat in the waiting area. "You will be picked up soon." I looked at him in confusion. "Why? I just came here on my own? It's really not a problem. I should also be released right away." I beamed at him. I still had no idea what that meant. "I'm very sorry," he began, and there was real sympathy on his face, "we can't let you go upstairs alone again. The doctors are informed and will speak to you shortly." I sat frozen in the waiting area and looked at the patients being pushed past me. I couldn't believe what I was hearing. Before I could sort out my thoughts completely, my attendant came, who looked at me sadly and pointed with one hand at the wheelchair that he was pushing in front of him. The corners of his mouth dropped and I could see that he was looking for words. The days before he had always cheered me up with funny sayings, but now he didn't seem to know how to deal with this situation either. Back in the room, I couldn't stop the tears. I sat on my bed, facing me the nice, older lady with whom I shared the room and who had grown close to my heart in a short time. I wanted to explain what had happened, but I just couldn't say a word. The tears dripped onto my clothes, which I had already expected to be released. When I looked up, I looked into the lady's eyes. They were also filled with tears.


The silence was suddenly interrupted by the entering doctor. He looked back and forth without understanding from the lady and me and then began his lecture. One would have been wrong and pulled the drainage too early. The lungs had probably collapsed since last night, so you should act quickly now and put a new drainage. Naked panic rose in my mind's eye. For the first time when I was drained, I was fully conscious and experienced - for me - the worst pain. It was unimaginable for me to have to go through this again. I started to sob and heard only marginally how the doctor instructed me to put on my hospital gown again and to wait until he and a sister came. It wouldn't be that bad, he dropped in a subordinate clause. After he left the room, my roommate sat next to me and held me in my arms while my body trembled. I tried to think clearly and finally got the first words out. "I have to call my mom." In a nutshell, I told her between my sobs what had happened and that I had to be drained again. I begged her to be able to go home. I wouldn't get through this again. In a clear voice, my mother said, "If drainage is needed and it will save your life, you should do it. Even if it's the last thing you want. But you've got through it before. You'll do it now . Ask the doctor for general anesthesia. " Shortly after I hung up, the doctor and nurse came into the room and instructed me to sit on the bed. I felt waves of panic roll through my body. They pushed my bed, which got caught on the door frame several times, into a separate room at the end of the hall. Once there, I asked how my mother advised me to have general anesthesia. The doctor didn't even look at me when he told me that they couldn't do it now and that it wouldn't be so painful. Tears ran down my cheeks. The doctor gave me an injection and frantically fiddled with the drainage that was to be placed on me. He swore a few times. All materials were placed on me and a chaos arose. Quite different from the first time when four nurses supported the doctor. "Hold the hose here." he said. Nobody answered. He repeated his request and put the drainage in my hand, which was resting in front of my chest. I stared down at my hand, stunned. "You have to help now". The situation has remained in my head to this day and I am still shocked that this was how a patient was treated. The procedure was almost as painful as the first time. The pain that followed, however, literally took my breath away.





* Google translation




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